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Die Zukunft der Vergangenheit

Serie / Teil 2

Schon immer war und ist auch heute noch der Blick in die Zukunft für junge Menschen von besonderer Bedeutung, weil dies vor allem ihre eigene Zukunft betrifft, d.h. in welche Zukunft sie selbst hineinwachsen werden. Denn je älter man wir, um so mehr Zukunft hat man schon hinter sich.

Die schon 1880 erstmals erschienene Jahrbuchreihe: „Das neue Universum“ folgte dem Konzept, aktuelle Themen aus den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Unterhaltung für Jugendliche zu präsentieren und bei vielen Themen auch Blicke in die Zukunft zu werfen. Entsprechend las man im Untertitel: „Ein Jahrbuch für Haus und Familie, besonders für die reifere Jugend, mit einem Anhang zur Selbstbeschäftigung „häusliche Werkstatt““.

Daneben gab es später die Reihe “Durch die weite Welt“ und in der DDR das „Urana Universum“, die auch das Konzept verfolgten, Wissensdurst verständlich zu und Zukunftsträume koppeln wollten. Da es sich bei den Themen zu einem großen Teil um Technik handelte, waren sie in den 50er und 60er Jahren beliebte Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke vor allem für Jungen, die Reihe „Durch die weite Welt“ hieß der Untertitel: “Das große Buch für jeden Jungen“

Die Hardcover-Bücher waren ca. 400-500 Seiten stark in einem Format etwas über A5. Jedes Buch hatte zahlreiche Kapitel, z.B. bei der Reihe: “Durch die weite Welt“: „Forschung – Gestern, heute, Morgen“, „Reisen und Abenteuer in aller Welt“, „Aus Technik und Verkehr“, „Kultur Geschichte Literatur,“,„Wissen für alle“, „Aus der Welt der Natur“, „Freizeit und Beruf“, „Sport“, „Fesselnde und lustige Erzählungen“ und „Rätsel, Denksport, Scherze“. „Das neue Universum“ bot ähnliche Kapitel, mit etwas anderen Schwerpunkten wie. “Erzähltes und Erlebtes“, “Aus Heimat und Ferne“,“Geheimnis volles Leben“, „Von Kraft und Stoff““Dieses und jenes“ usw. Neben den sachlichen, z.T. populärwissenschaftlichen Texten gab es fiktionale Geschichten und unzählige farbige und s/w Bilder und ausklappbaren Tafeln. In einer Zeit lange vor Internet, Wikipedia und Google waren dies oft wichtige Quellen, den Wissensdurst junger Menschen zu stillen und ihnen ein Bild aus dem Facettenreichtum der Welt zu erschließen.

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Vor allem auf dem Hintergrund der Frage, was ist aus der Zukunft aus Sicht der Vergangenheit geworden, liefern die Bände spannende Ideen, vor allem auch durch die, die man mit der Welt von heute gut vergleichen kann.

Beginnen wir mit dem „Neuen Universum“ von 1953, also einem Weltuniversum von vor 68 Jahren. Die erste große, farbige, ausklappbare Schautafel gleich zu Beginn weist (siehe oben) bereits einen Weg in die Zukunft: “In der Eiswüste des Polarmeeres treiben zwischen den sich türmenden Packeismassen, Eisschollen riesigen Ausmaßes und enormer Dicke. Diese schwimmenden Inseln, die auf gleichbleibendem Kurs um den Nordpol kreisen, sind ideale Stützpunkte für den Weltflugverkehr, denn die kürzesten Flugwege kreuzen den Pol. Vielleicht schon morgen wird man Hangars und Montagehallen in das massive Eis schlagen und so den ersten gegen Schneestürme und grimmige Kälte geschützten Luftbahnhof in der Region des ewigen Eises schaffen.“ Allerdings ist die Entwicklung der Luftfahrt in der folgenden Jahrzehnte völlig anders verlaufen. Nicht zuletzt durch den Klimawandel wäre das Eis ziemlich dünn für die Hangars und Landebahnen, sie wären im Meer versunken und hätten wahrscheinlich noch mehr Schaden angerichtet. Also: Eine glatte Fehleinschätzung.

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Schon näher an der Zukunft war in diesem Band das Kapitel „Traumautos“, bei dem vor allem der Konzeptwagen Le Sarbe (der Säbel) von General Motors im Mittelpunkt steht, der schon 1960 in Serie gehen sollte. Viele, auch heute selbstverständliche Dinge wie elektrisches Cabrioverdeck, Scheibenwaschvorrichtung, automatischer Verdeckverschluss bei Regen, Lautsprecher, Aschenbecher usw. waren in dem „Traumauto“ bereits verbaut. Durch Leichtmetalle sollte der Wagen bei 335 PS und einem Gewicht von 257 KG eine Höchstgeschwindigkeit von 280 km/h schaffen. Allerdings: “Das Fahrzeug sollte nicht durch schlechtes Tankstellenbenzin bewegt werden, sondern mit dem Flugzeugtreibstoff Methylalkohol, dem Besten vom Besten, gefüttert werden.“ Mit Natrium wollte man die hohen Temperaturen des Motors kühlen. Also: Schon damals dachte man über alternative Antriebsstoffe nach (sicher nicht wegen der Umweltverschmutzung, sondern höherer Leistung) und viele technische Details und Ideenreichtum der Ingenieure haben es tatsächlich in die Jetztzeit geschafft. Allerdings ist das Traumauto selbst nie in Serie gegangen.

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Auch die Überlegung, „Eisenbahnen so schnell wie Flugzeuge“ zu konstruieren, hat es schon damals gegeben. Schienenfahrzeuge, die auf Betonträgerkonstruktionen pfeilschnell bis zu 300 km/h erreichen, sind immer wieder entworfen worden, haben es aber nicht bis in die Jetztzeit geschafft, das Thema “Mit dreihundert Sachen in die Kurve“ ist damit abgehandelt.

Spannend in dem Zusammenhang auch das Kapitel: “Der Omnibus am Fahrdraht“. Anknüpfend an den ersten Obus, den Werner von Siemens schon 1882 als gleisloses elektrisches Straßenfahrzeug konstruiert hatte, wird hier der „schnittige und elegant aussehende“ Obus vorgestellt, der „die Straßenbahn verdrängen“ wird. Es hat solche Trolleybusse gegeben, aber verdrängt haben sie die Straßenbahnen nicht. Interessant allerdings sind diese Überlegungen bezüglich der elektrisch angetriebenen Fahrzeuge der Jetztzeit.

Auch aus den fliegenden Autos, mit denen man das immer stärker werdende Verkehrsaufkommen regulieren wollte, ist bis heute nichts geworden. Die kreativen Konstruktionen sind  reine Versuchsfahrzeuge geblieben, wie z.B. das fliegende Auto „Airphibian“, das sich mit wenigen Handgriffen von einem Kleinwagen zu einem Kleinflugzeug umbauen ließ.

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Schon näher an der Zukunft ist das Kapitel: “Ein Bild wandert durch 1000 Elektroröhren“. Es geht um die Bildröhre und den Beginn des Fernsehens, heute selbstverständlicher Teil unserer Alltagskultur. “In einem Fernsehstudio. Um eine Handlung in einem Fernsehspiel lebendig zu halten, müssen die Szenen dicht aufeinander folgen. Hier sind zwei Kameras auf die Theaterszene im Hintergrund gerichtet, während die dritte Kamera den kostümierten Ansager aufnimmt.“. Interessant in diesem Kapitel sind auch die technischen Konstruktionszeichnungen, die vor allem den jungen Erwachsenen die Funktion der „Bildröhre“ näher bringen sollte. Fazit:  Hier wurden die Grundlagen gelegt und erklärt für das noch heute Gültige: “Behaglich in den eigenen vier Wänden sitzend einer Sportveranstaltung beiwohnen, weit ab von Lärm und Trubel. Also: Daumen hoch.

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Spannend auch das Kapitel:“Was werden wir morgen essen?“ vom Autor Albert von Haller („Durch die weite Welt“, 1958). Ihm geht es um die Relation zwischen Weltbevölkerung und Nahrungsmitteln. Nach ausgiebigen Theorien, wie durch spezielle Züchtungen, den Fischreserven von Ozeanen und globalen Lieferketten die Weltbevölkerung schon 1953 genügend ernährt werden könnte, werden im Anschluss Überlegungen zur zukünftigen Entwicklung gestellt: “Und was geschieht nach dem Jahr 1980? Wenn wir die gelernten Fachleute fragen, ob die Erde 10 Milliarden Menschen und mehr ernähren könne, so erhalten wir gegensätzliche Antworten. Die einen sehen vertrauensvoll in die Zukunft und meinen, dass unsere alte, brave Erde noch weit mehr Menschen satt machen könne. Andere erblicken einen Ausweg nur in einer Verringerung der Geburtenzahl, und sie hoffen, dass der geheimnisvolle Rhythmus des Lebens von selbst wieder zu einer geringeren Erdbevölkerung führt. Das bleiben indes nur Vermutungen. Fest steht nur die Tatsache, dass die Menschheit künftig gezwungen sein wird, sich eingehender um ihre Ernährung zu kümmern als in den letzten 100 Jahren. Wenn die Erdbevölkerung auf mehr als 5 Milliarden steigt, werden die Menschen ihre Gewohnheiten in mancher Hinsicht ändern müssen.“ Und dann folgt der wirklich zukunftsweisenden Schluss: “Wie dem auch immer sei, vor uns steht die Aufgabe, nicht durch eine Raubwirtschaft, sondern im Gegenteil durch eine Förderung der Fruchtbarkeit und der Lebenskraft unserer Erde die Nahrungsgrundlage der Menschheit zu erweitern“.

Heute beträgt die Weltbevölkerung ca. 7,9 Milliarden Menschen und die hier schon vor fast 70 Jahren den Jugendlichen näher gebrachten Überlegungen sind aktueller denn je. Also: Eindeutig Daumen hoch.

…..Serie wird fortgesetzt

Hinweis:                                                                                                                                                    Alle Bild- und Textzitate stammen aus:                                                                                             1. „Das neue Universum“ Bände :70/71/77  Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart                 2. „Durch die weite Welt“, Bände : 32/37, Franckh´sche Verlagshandlung Keller&Co, Stuttgart

 

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