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Johanna Hansen : Spürsinn statt Besorgnis

Spürsinn statt Besorgnis

Mein Tier. Mein Wildtier. Mein Einhorn.

Poetry.Film von Johanna Hansen

Wer Johanna Hansen kennt, der weiß: Ihre kreativen Entäußerungen und Kunstgeburten lassen sich nicht in einem Genre binden, sondern überschreiten Grenzen: Sprache, Wort, Poesie, Musik, Bild, Bewegtbild.


Eben dies realisiert sich auch einmal mehr in dem „Poetry Film“: „Mein Tier. Mein Wildtier. Mein Einhorn.“

Hier entführt Sie die Betrachtenden auf eine Reise der Stille und Kälte, zu der man bereit, auf deren Entschleunigung man sich einlassen muss, zumindest zu Beginn des achtminütigen Films, wo ruhige Klaviermusik und langsame Kamerafahrten einen schneebedeckten Winterwald zeigen, wo die Flocken einen ruhigen, hellen Teppich in der farbkargen Szene erzeugen.
Dann sieht man zwei Menschen am Tisch, sie scheinen Blätter zu heben, zu lesen und erst auf den zweiten Blick merkt man, dass die Synchronizität durch den Schatten des Ersten erzeugt wird, der Schatten der einzigen Figur des Films, Johanna Hansen. Überhaupt spielt der Schatten eine wichtige Rolle in dem Streifen, so als hätte die Protagonistin ständig jemanden neben sich gehen, sitzen oder stehen. So wie ein ÜberIch, das der kreativen Kreation seinen poetischen Atem einhaucht.
Es folgt die eine erste poetische Auflösung der Szene als Schriftmarke. „Immer dort möchte ich sein, wo Winterwälder in meine Handflächen passen.“ und: “Mache mich schön für Dich Untier Zeit“.
Die schneebedeckten Tannenzapfen lassen dem Betrachter genügend Zeit über das „Untier Zeit“ nachzudenken, bis ein unmittelbarer Bruch einen auf eine neue Form des Sehens hebt, nämlich auf die Gemälde der Autorin, die einen einmal an die Äste des Waldes erinnern, gleichsam aber auch an die Poesie, wenn sich kryptische Schriftzeichen mit den ersten, zurückhaltenden Farben paaren.
Dann wieder eine langsame Überblendung in den Winterwald, wo die Protagonistin in einem Fellmantel sitzt, so als müsste sie der Kälte Paroli bieten.
Hier nun beginnt mit sanfter Stimme Johanna Hansen das Gedicht, quasi als weitere Stimme im Orchester der poetischen Möglichkeiten.
Es ist eine traurige, bedrückende Sicht auf die „Unordnung der Welt“, in der schon „Unterarme Beruf sind und Umsätze alles“. Wo „Schlafwandeln weghören ist“ und die Dichterin nie weiß, wie sie „schritthalten soll, wenn es nicht schnell genug gehen kann“.
In dieser Welt des Leidens an der Schnelllebigkeit der Zeit und der Unfähigkeit, den Ansprüchen zu genügen, kommt das „Wildtier“ ins Spiel, ihr Einhorn, mit dem sie ein Zimmer im Baum beziehen will. Hier wird die Nähe, der Spürsinn der Liebe aller „Besorgnis“ entgegen gesetzt. Plötzlich bricht auch der Film auf, zeigt rote Bilder der Autorin einen farbigen Kopf hin zu einem der poetischsten Momente des Streifens: Vor der Wand großer, schmelzender Eiszapfen versucht Hansen die Tropfen zu fangen, so, als wolle sie die Vergänglichkeit als Moment in ihren Händen halten. Sie wäscht sich symbolisch mit diesen, sich auflösenden Momenten das Gesicht: “Leg meinen Kopf in Deinen Schoß“ so, als sei sie angekommen in einer Welt des Vergänglichen, um in einer schluchzenden Zeit nur das Eine zu spüren: Den Moment. Vielleicht das Glück, vielleicht eine kurze Überwindung der Einsamkeit. Oder die filigrane Sicherheit der Liebe in einem gemeinsamen Baumhaus. Am Ende also doch der Lichtblick: Spürsinn statt Besorgnis.

Der Poetryfilm ist durch die Lyrik, den Bildern und der Stimme von Johanna Hansen, aber auch durch die Musik von Joachim Schneider, den Winteraufnahmen in Davos sowie der handwerklich perfekten Bildregie und Schnitt von Elena Hill ist ein weiteres, anspruchsvolles Werk im  Reigen der Poetry.Filme, in denen einzelne Elemente ein Gesamtkunstwerk generieren. Das für sich zu entschlüsseln ist keine leichte Aufgabe : Nämlich aus dem Angebot der einzelnen kreativen Momente sein eigenes Gefühl, seinen eigenen Poetry.Film entstehen zu lassen. Das geht nur, wenn man den Film mehrfach sieht, um durch die einzelnen Kunstelemente das Gesamtkunstwerk zu begreifen – bis daraus schließlich die eigene Perspektive entsteht. 

Text: Michael Troesser
Bild & Film : Johanna Hansen
johanna.hansen@t-online.de
www.johannahansen.de