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Die Zukunft der Vergangenheit

Die Zukunft der Vergangenheit

Serie / Teil 1

„Die Zukunft der Vergangenheit“  ist das Thema, bei dem ich anhand der über 20 Bücher meines Bücherschranks, die sich mit der Frage der Zukunft beschäftigen, einmal prüfen möchte, was eigentlich aus der Zukunft geworden ist, die uns die kleinen und großen Apologeten der Vergangenheit prognostiziert haben.

Falls Sie Interesse haben, lade ich Sie ein, mit mir ein wenig nachzudenken darüber, was die Menschen der Welt von Gestern sich von der Welt von Morgen vorgestellt haben und was davon tatsächlich im Heute eingetroffen ist. Der Bogen dieser Beitragsserie wird weit gespannt – das älteste Zukunftsbuch ist von 1952 und der Blick in die Zukunft endet 2030. Die meisten Werke allerdings bewegen sich im Zeitraum zwischen den 50er/60er und den 70er/80er Jahre. Zum einen war es die Nachkriegszeit und die Sehnsucht nach einer neuen, anderen Zukunft und später dann (als die Geister schließlich da waren, die man rief) kam die Zeit des technischen Wandels und des medialen Umschwungs, der zu zahlreichen Ängsten und Vermutungen führte.

Die Digitalisierung erschien am Horizont, die Angst vor einer Überformung durch immer neue Techniken, die Angst, gewohnte und tradierte Bereiche der Alltagskultur verlassen zu müssen, den Schutzraum des Alltäglichen („Das Ende der Schublade“, „Das Verschwinden der Kindheit“, “Das allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit“ ,„Stirbt das gedruckte Wort“ ,“Cyber-Diktatur“ usw.) Diese kleine Auswahl an Sachbüchern zeigt schon, wie sehr gerade in einer sich rasant technisch entwickelnden Welt das Morgen mit Angst gekoppelt ist, ein Zukunfts-Pessimismus als Angst vor dem Verlust alter Gewissheiten und Gewohnheiten, letztendlich auch die Angst vor dem Freiheitsverlust des Individuums. War die Angst berechtigt, ist das prognostizierte Drama eingetreten?

Daneben gibt es dann die großen Klassiker der Zukunftsforschung, allen voran Robert Jungk,(“Die Zukunft hat schon begonnen“), Fritjof Capra („Wendezeit“), Hermann Kahn („Die Zukunft der Welt 1980-2000“), Marchall McLuhan („Die Gutenberg Galaxis“) und nicht zuletzt Joseph Weizenbaum („Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“), noch ganz abgesehen von der Literatur wie George Orwells Roman 1984.

Meine kleine Betrachtung möchte ich beginnen mit Robert Jungk, den man wohl als den wichtigsten Zukunftsforscher des letzten Jahrhunderts bezeichnen könnte. Er hat 20 Bücher zur Zukunft, u.a. mit einem politischen Ansatz bei der Auseinandersetzung mit Zukunft geschrieben.

Dabei ist das erste Werk Robert Jungks: „Die Zukunft hat schon begonnen, Amerikas Allmacht und Ohnmacht“ eigentlich kein Zukunftsbuch, sondern eine Bestandaufnahme der Gegenwart, nämlich der Gegenwart in den USA zu Beginn der 1950er Jahre. Die nämlich bereiste Jungk als Journalist und kam scheinbar aus dem Staunen nicht mehr hinaus. Er beschreibt hier in sehr persönlicher Form seine Erlebnisse in diesem Land, das den Deutschen damals als der Inbegriff des Wohlstandes und des technologischen Wandels vorkam.

Auf über 300 Seiten erlebter Episoden schildert Jungk den Besuch in einem Raketenzentrum oder wie er eine Atomexplosion („Heller als hundert Sonnen“) gesehen hat. Der Leser erfährt von Massentierhaltung und künstlicher Befruchtung ebenso wie von Wolkenkratzern oder präziser Wettervorhersage – alles Dinge, die auf der anderen Seite des Kontinentes schon Gegenwart waren und die Zukunft hier bestimmen sollten. Spannend in dem Zusammenhang sind auch die Schilderungen des Alltagslebens, z.B. in den Büros die Roboter, die durch ihre Lochkartensprache verschiedene Tatbestände ausdrücken und kombinieren können und dies „mit einer dem menschlichen Gehirn weit überlegenen Schnelligkeit“. Allerdings waren damals die „hochgezüchteten Denkmaschinen mittelmäßig intelligente Elektrogehirne.“ Sie kosteten damals zwischen 50 000 und 500 000 Dollar, was sich allerdings nur das Militär leisten konnte:“Diese Maschinen konnten alles in ihrem Gedächtnis vergleichen, konnten jede arithmetische Operation blitzschnell in einem Bruchteil von Sekunden ausführen.“ Das führe, so Jungk, zu einer „Welt ohne Wände“, sicher eine weitsichtige Einschätzung, denkt man z.B. an die grenzenlose Öffnung des Privaten in sozialen Netzwerken heute.

Spannend auch das Kapitel, wo er über die Zukunft Amerikas selbst berichtet. So besucht er das „Develop Department“ eines Chemiekonzerns mit dem Namen „2000 A.D.“ Hier wird Schmieröl entwickelt, das nicht frieren wird und das spätestens 1965 auf den Markt kommen sollte. Dann Stoff für Hemden für heiße Gegenden oder ein Baumaterial, das zum Leuchten Gebracht werden kann und alle Lampen überflüssig macht. Das Wichtigste aber: Der Traum der Menschheit – voll synthetische Nahrung als Nachahmung von Naturprodukten, die nach den Berechnungen ca. 2010 auf den Markt kommen wird, dies z.B. eine Fehleinschätzung, wie wir heute wissen.“Hier wird die Zukunft nicht mehr religiösen Visionären oder philosophischen Utopisten überlassen, sondern einer neuen Gruppe spezialisierter Wissenschaftlern. Bis zum Jahr 2000 haben die Amerikaner auf beinah jedem Gebiet menschlicher Tätigkeiten die voraussichtlichen Routen oft schon mit einer Genauigkeit abgesteckt, die geradezu vermessen anmutet.“ Allerdings, so Jungk, stellt die Zukunft einen „der letzten großen Unsicherheitsfaktoren dar. Ihn auszuschließen ist daher ein Hauptanliegen des zeitgenössischen Amerika“

All dies nennt Jungk den „Griff nach der Zukunft“, wohlwissend, dass die Zukunft schon begonnen hat, entsprechend der treffende Titel des Buches, das damals zum Bestseller wurde und in 14 Ländern eine Auflage von 500 000 erreichte. So groß war der Hunger nach Zukunft.

Robert Jungk hat vor allem seine Erlebnisse in USA zur Entwicklung der Atombombe und deren Folgen bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen und ihn Stück für Stück zu einem politischen Zukunftsforscher werden lassen, dem es darum geht, was Technik in der Welt anrichten kann, ohne dabei auch die positiven Seiten z.B. der Technik des Alltagslebens, zu vernachlässigen. In seinem Werk: Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher. Von 1956 greift er noch einmal das Thema auf und plädiert seit her als einer der Ersten für einen Wissenschaftsjournalismus, der nicht nur beschreiben, sondern vor allem auch verstehen und Konsequenzen absehen können muss.

Ein weiteres Standardwerk ist „Die große Maschine. Auf dem Weg in eine andere Welt.“ Mittelpunkt des Buches ist CERN, die Europäische Organisation für Kernforschung, ist eine Großforschungseinrichtung in der Schweiz Grundlagenforschung betrieben, insbesondere wird mit Hilfe großer Teilchenbeschleuniger der Aufbau der Materie erforscht.

So war er z.B. neben Norbert Müller und Rüdiger Lutz einer der Urväter der Zukunftswerkstätten, bei denen mit Wissen und Phantasie ein Gegenprogramm zur staatlichen Planung entwickelt werden sollte. (Ich selbst hatte die Möglichkeit vor 35 Jahren zusammen mit Robert Jungk in Düsseldorf eine solche Zukunftswerkstatt durchzuführen).

Fortsetzung folgt

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