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Rossmanns späte Berufung

Rossmanns späte Berufung

Der neunte Arm des Oktopus

Eigentlich müsste man das Buch rückwärts lesen und beim letzten Kapitel beginnen, denn in Großburgwedel bei Hannover saßen “Vier soignierte Herren und spielten Skat …Der Zahnarzt Klaus Schwetje aus Hannover, der Unternehmer und Fußballpräsident Martin Kind, der Konzerninhaber Dirk Rossmann und der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder“, der grade von seinem Freund Putin aus Moskau zurückgekehrt ist.

Allerdings schweiften Dirk Rossmanns Gedanken „immer wieder ab“. Er machte sich „seit geraumer Zeit große Sorgen – um nicht mehr und nicht weniger als um die Zukunft des Planeten Erde. Und dabei wollte er es nicht belassen.“ Nachdem Schröder mit 5462 Punkten gewonnen hatte und Rossmann in seinem „etwas betagten schwarzen Mercedes“ saß, hatte er „plötzlich eine Idee“.

Das Ergebnis dieser Idee liegt nun auf dem Tisch, rot, 340 Seiten lang und von Udo Lindenberg auf dem Cover kommentiert: “Das ist Hammer. Super spannend. Respekt!“

Doch was passiert, wenn ein spät berufener Drogist Schriftsteller werden und einen „Thriller“ über das Weltretten schreiben möchte, wahrscheinlich weil ihn sein „Konzern“ inzwischen langweilt und ihm auf dem letzten Glied des Lebenszollstocks ein Wikipediaeintrag „Autor“ eines „Umweltromans“ besser steht als „Verkäufer von plastikummantelten Drogerieartikeln“? Genau. Er wird nicht zum Schriftsteller, sondern er lässt mehr als zehn Experten aus den unterschiedlichsten Fachgebieten – in der Tat erstklassig – recherchieren und schreiben (u.a. Christian Pfeiffer, Christian Wulff, der im Buch auch noch eine kleine Nebenrolle spielt) eine Art Romanunternehmen also. Damit kennt sich der Konzernbetreiber Rossmann ja aus mit seinen 4000 Filialen. So kommt eben kein Thriller heraus, sondern eine Art Gemeinschaftssachbuch in Form von manchmal langweiligen, oft nicht zusammenhängenden Kapiteln, einige nur ein oder zwei Seiten lang. Es erinnert ein wenig  an Groschenromanheftchen, mit denen der Bastei-Lübbe Verlag ja groß geworden ist. Jedes Kapitel beginnt mit einem Datum und dem Ort, damit man in der weltumspannenden Handlung nicht den Überblick verliert, eine Art Lesehilfe sozusagen. Oder man kann auf der Weltkarte nachsehen, wenn man nicht genau weiß, wo Ubo in Afrika liegt.

Man trifft auf eine dramatische Geschichte, die den ganz großen Bogen spannt und wird sofort an einen James Bond Film erinnert. Die drei großen Weltmächte USA (mit Präsidentin Kamala Harris), Russland (Wladimir Putin) und China (Staatschef XI) tun sich zusammen, um endlich nicht gegeneinander zu kämpfen, sondern gemeinsam die Welt zu retten – und bekommen am Ende dafür den Friedensnobelpreis, interessanterweise in Stockholm und nicht in Oslo.

Auf der anderen Seite natürlich die Bösen, die weiter in Brasilien die Wälder roden wollen, Umweltsünder mit zwielichtigen Interessen, Waffenhändler und viele andere Gegenspieler. Und wie in einem klassischen Bond Film werden hier auch alle Klischees bedient. In der dramatischen Geschichte gibt es viele schöne Frauen („Verschleierte Frauen, die aber offenbar unter ihren Schleiern sehr jung und sehr schön waren, balancierten silberne Tabletts umher und boten Getränke und fädenziehende Süßigkeiten an“) oder Claudia („Eine auffallend schöne Brunette“). Aber auch Sofia, die später eine zentrale Rolle beim Weltretten spielen wirdZweiundvierzig Jahre, immer energisch, gut organisiert, mittelgroß, mittelhübsch in Jeans, festen Stifeletten, beiger Jacke von unauffälligem Schnitt“. Oder der  2 Meter große, schwarze Waffenhändler, der in den Slums  Nigerias aufwuchs und durch Waffendeals  zu unheimlich viel Geld gekommen ist, muss am Ende natürlich schmerzvoll sterben . Immer wieder geht es um das große Geld, z.B. ein Messer aus Solingen, dessen Klinge 21000 Euro kostet oder einem Bösewicht, der an einem Tag eine zweistellige Millionensumme  ausgeben wird, weil er „einen so großen Einkaufsdrang spürte“.

Doch anders als bei Bond und seinem Widersacher, die spannende Typen sind, die einen mitreißen, bleiben die Figuren in dem Roman ziemlich konturlos und es fehlen die für jeden Roman unabdingbaren großen Handlungsstränge .

Dies gilt vor allem auch für die Kapitel, die im Jahr 2100, spielen, wo man schon erfährt, wie alle Umweltsünden überwunden sind und wo schon all das vorweggenommen wird, was einem eigentlich der Plot des Buches hätte verraten sollen. (Dienstag, 4.Mai 2100, Paris: “Der Bruder meiner Mutter war Kanalarbeiter und arbeitete ohne technisches Equipment, sein einziges Werkzeug war ein Eisenhaken…wie sollten sie ihren Müll entsorgen, wenn es dafür kein System gab? Diese Menschen hatten keinen Hightech-Koch-und-Kompost-Roboter!…Sie wussten nicht einmal, wohin sie scheißen sollten“) Rossmann hätte sich dieses ständige Wechseln der Zeitebenen gänzlich sparen können, denn man überliest die kurzen Zukunftssichten schnell und vergisst die nichts sagenden Figuren sofort wieder. Außer vielleicht den Oktopus, dieses Symbol des Romans, der für „intelligent, verspielt und neugierig gilt“ und zu allem Überfluss mit seinen Saugnäpfen noch Putins Arm umschlingt und leckt. “Von all diesen Tieren ist der Oktopus uns am fremdesten. Und gleichzeitig ist sein Schicksal mit unserem verknüpft“. Tintenfische sind uns, so der Roman, intellektuell in einigen Bereichen überlegen: „Insbesondere im konstruktiven Umgang mit zunehmend komplexen Realitäten“. Na so was. Ist doch klar, hat er schließlich acht plus einen Arm, um alles im Griff zu haben. Menschen leider nur zwei.

So könnte man sich die ersten 200 Seiten des Romans sparen, denn erst ab da beginnt der einzig spannende Teil des Buches, wo eben zwei einfache Underdogs (Ricardo, Koch und die mittelhübsche Sofia – vorsicht Klischee!) schließlich das große Böse besiegen, einen Weltkrieg verhindern (Bond!) und so eine umweltfreundliche Zukunft der Welt sichergestellt ist.

Warum dieser Antithriller es bis auf die Spiegel Bestsellerliste geschafft und bei den Amazonbewertungen 4 Sterne bekommen hat?

Ganz einfach. Rossmann hat das Buch  verkauft, wie er es als Großunternehmer gewohnt ist: Er hat mal eben zig großformatige Anzeigen zum Buch geschaltet, hat es in seinen 4000 Filialen präsentiert, ist so in die Talkshows gekommen und, man höre, hat er sich zu allem Überfluss inzwischen noch 3% Anteile vom Lübbe-Verlag erworben. Auch hier ein bisschen Bond in echt.

So funktioniert also heute der Literaturbetrieb. Und die 4 Sternbewertung bei Amazon? Sie funktioniert auch so, denn was liest sich leichter in der Coronazeit als ein sauber recherchierter Gebraucht-warenroman: Ein bisschen Spannung, ein bisschen Politik, ein bisschen Drama, ein bisschen Sex, ein bisschen Darknet gepaart mit einem Thema, das uns alle auf dem Herzen liegt: Die Umwelt und die Zukunft. Und alles wird gut. Dafür kann man doch schon mal  20 € ausgeben und sich an Stelle des „Bachelors“ mal ein „gutes“ Buch zu Gemüte führen. Und mit Sternen bewerten.

Dirk Rossmann – Der neunte Arm des Oktopus – Lübbe Verlag – ISBN 978-3-7857-2741-6

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