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Deutsche Sprache im digitalen Zeitalter

Deutsche Sprache im digitalen Zeitalter

Sprachverfall oder kreative Weiterentwicklung?

Kurz nach seinem Erscheinen 2010 habe ich das Buch: „Der Sprachverführer – Die deutsche Sprache: was sie ist, was sie kann“ von Thomas Steinfeld (leitender Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und Professor für Kulturwissenschaften an der Universität Luzern) bereits einmal rezensiert. Die Besprechung endete mit dem Vorschlag, das Buch noch einmal Jahre später zu lesen, um zu prüfen, ob und wie sich das Deutsch, vor allem auf dem Hintergrund der digitalen Kommunikation in der Alltagskultur verändert hat. Auch unter dem Aspekt eines schleichenden Verfalls der Sprach-kompetenz.

Hier nun die heutige Prüfung des Buches inclusive der damaligen Besprechung.  

Was ist gutes Deutsch? Sind Verben besser als Substantive, was unterscheidet die Präposition vom Präfix? Wie entstand das Deutsche als eine der hervorragendsten Kultursprachen? Was haben Gregor Samsa (Kafka) und Josef Ackermann gemeinsam? Wie verändern Fernsehen, Computer, email und Blog unsere Sprache?

In 33 Kapiteln und Exkursen führt uns der Autor in die Welt unserer Sprache mit hohem Anspruch: “Wer dieses Buch gelesen hat, wird in Zukunft vielleicht ein bisschen genauer lesen und ein bisschen besser schreiben“. Aber was bedeutet „bisschen besser“ im Bereich des Schreibens und Lesens?

Oft spielerisch und gleichsam hochkompetent entfaltet Steinfeld zahlreiche Bereiche der Sprache, bietet Hintergründe und Deutungen des Deutschen, erklärt so manche Eigenart und öffnet einem tatsächlich das Auge für Wörter oder grammatikalische Besonderheiten, die einem bisher noch nicht aufgefallen sind oder die man sich nicht erklären konnte. Vor allem aber koppelt er hierbei die Sprache mit dem, der sie spricht, dem Menschen: „Denn wie einer redet und auch wie einer schreibt, gehört ja zum Innersten eines jeden Menschen. Die Sprache offenbart mehr, viel mehr von ihm als sein Gesicht oder seine Kleidung.“

Er führt uns zum Beispiel vor, wo sich Substantive zu einem zwar alltäglichen, doch oft Unsinnigen verbunden haben: „Die Holztür ist aus Holz, der Holzbohrer ist es nicht. Ein Ledermantel ist ein Mantel aus Leder, aber ein Regenmantel ist kein Mantel aus Regen, die Rinderwurst ist vom Rind, die Kinderwurst nicht vom Kind“.

Unzählige solcher Absonderlichkeiten des Deutschen werden aufgezeigt, grammatikalische Details abgeleitet, erklärt und z.T. mit dem Englischen oder Französischen verglichen.

Das Deutsche konnte sich zur Kultursprache in seiner unbeschreiblichen heutigen Vielfalt, Komplexität und Können nur durch Kreativität und Können seiner Denker und Dichter entwickeln, von Goethe bis Lessing, von Kafka bis Büchner und vielen Anderen bis heute. Sie gaben und geben der Sprache Rhythmus und Klang, neue Wörter und innovative Satzkonstruktionen, sie machten die Sprache zu dem, was sie heute ist: eine schöne und kraftvolle Diva, die uns mit ihren Worten und Wendungen immer wieder überrascht und verführt.

Der heutige Reichtum des Deutschen kommt von der stetigen Weiterentwicklung der Sprache und des Sprechens über Jahrhunderte hinweg. Doch eigenartiger Weise endet diese Entwicklung für Steinfeld plötzlich in der Jetztzeit (2010, zum Erscheinen des Buches). So vermisst er bei Elfriede Jelinek, der er einen gesamten Exkurs widmet, Stil. Ihre Sprache sei reduziert auf eine Aneinanderreihung von Kalauern: “Es ist, als triebe eine fatale Witzelsucht diese Maschine an“ und so bleibt die Sprache „beschädigt“ zurück.

Und dann sind plötzlich die Medien an allem Schuld: „Die Literatur besitzt keine zentrale Bedeutung mehr, weder kulturell noch sozial, und eher, als dass etwas Einzelnes, Anderes an ihre Stelle getreten wäre, wird ihre Funktion von diversen Medien wahrgenommen.“

So seien die Selbstdarstellungen bei „Facebook“ oder „Myspace“ eher von formalisierter Ökonomie als von Stil geprägt. „Die Literatur ist schon lange nicht mehr Lehrmeisterin der Sprache – man braucht sie für die Phase der Entwicklung und dann ging die gestalterische Kraft über auf die Zeitung, wovon Karl Kraus empört Zeugnis gibt, und heute ist vermutlich das Fernsehen die stärkste Kraft in der Gestaltung der Sprache oder vielleicht auch schon der Blog“.

Zwar werde immer noch gelesen und (auf der Tastatur) geschrieben, doch im Umgang mit elektronischen Medien habe sich das Bewusstsein durchgesetzt, es sei nicht mehr so wichtig, wie man etwas sage oder schreibe, Hauptsache man werde verstanden.

Hier ziehen bei Steinfeld nun doch die dunklen Wolken des Sprachverfalls auf, wenn er schreibt, dass durch die Digitalisierung das Geschriebene zwar noch hunderte von Jahren konserviert werden könne, doch diese Form der technischen Beständigkeit sei von einer anderer Art: „Der Geist ist ebensowenig durch sie hindurchgegangen wie durch eine Fotokopie, die zwar nur scheinbar, dafür aber um so gründlicher das Exzerpt ersetzt. Und wie ist es erst beim Scannen oder bei copy and paste, wenn die Sprache aus einem elektronischen Dokument in das andere fließt, in unkontrollierten Mengen und dazwischen keinen Augenblick in einem Kopf verweilt, wo es sich ordnen und eine Perspektive gewinnen können“.

Schade, dass Steinfeld moderne, elektronische Formen der Sprache als geistlos klassifiziert, anstatt diese auch als eine neue Weiterentwicklung des Deutschen zu sehen. Warum nur diese Angst? Die deutsche Diva hat in den letzten Jahrhunderten so manche Kritik überstanden und ist immer wieder kraftvoll aufgestanden – in einem jeweils schillernden neuen Bedeutungs- und Klangkleid. Daran werden weder die eingewanderten Anglizismen noch die digitalen Kreationen etwas ändern.

Fazit: Kein einfaches, aber dennoch lesenswertes Buch, das seinem hohen Anspruch, nämlich anders deutsch zu sprechen und schreiben, erfüllt. Vieles liest man tatsächlich nach der Lektüre anders, versteht man neu, begreift einmal mehr, welches Gut wir zur Verständigung haben, wie fragil einerseits, mächtig, kraftvoll, schön und unverzichtbar andererseits unsere Sprache ist. Schade nur, dass es einmal mehr die mächtigen Medien sind, die ein Verfall vorantreiben. Spannend wäre es, das Buch in Jahren noch einmal zu lesen.

Anmerkung zehn Jahre später:

Durch immer neue, vor allem digitale Kommunikationsmedien hat sich Schrift und Sprache in den letzten zehn Jahren enorm verändert und weiter entwickelt. Kurznachrichten über TWITTER haben das politische Leben der Welt mitbestimmt, neue Plattformen der Selbstentäußerung wie Instagram und Co haben Facebook ergänzt und für Millionen Menschen (vor allem digital natives) sind Dienste wie WhatsApp zum integralen Bestandteil täglicher Mitteilung in Schrift, Bild und Sprache geworden. Durch die zahlreichen neuen Formen hat sich nicht nur der Wortschatz erweitert, sondern vor allem die Möglichkeiten des Mitteilens und entsprechend der Umgang der Menschen untereinander. Ein wichtiges Element hierbei ist vor allem die Möglichkeit der Anonymität in sozialen Medien, die vollkommen andere Formen zum Teil dramatischer Distanzlosigkeit zulässt.

Selbstverständlich spielt bei kurzen und schnellen Mitteilungen in Schrift und Sprache Orthographie, Typologie, Wortschatz oder Grammatik für viele Nutzer eine eher eine nachgeordnete Rolle, geht es doch in erster Linie darum, so zeitnah wie möglich Botschaften vom Sender zum Empfänger und umgekehrt zu überbringen. Zumal die Maschinen selbständig Wörter ergänzen oder Alternativen vorschlagen. Dass für einige Nutzergruppen Sprach- und schriftkompetenz leiden, ist unbestritten. Allerdings begleitet die Angst vor flächendeckendem Sprachverfall jedes neue Medium seit Anbeginn, angefangen vom Telegrafen, Telefon über den Hörfunk, vor allem beim Fernsehen bis zum Computer und Internet (übrigens auch bezogen auf Comics wie Micky Mouse usw.). So behauten z.B. Hinrich Jansen und Helmut Rose in dem Beitrag „Erlernte Sprachlosigkeit – vom Verlust des Sprachvermögens beim Einsatz von Computertechnik“, dass bei der vermehrten Nutzung von Rechnern ein „langsames Verstummen der menschlichen Sprache“ eintreten würde: “Ein Außersichsein von dem eigenen Selbst und der Umwelt“. (1)

Das allerdings negiert, dass es in der gesamten Geschichte der Sprache immer wieder besondere Ausprägungen gab, z.B. die Jugendsprache als gruppeninterne Kommunikation, Geheimsprachen oder Jargons als eigene Sprachvarietät mit spezifischem, oft berufsbedingtem Vokabular (z.B. auch im Bereich der Computertechnologie).

Ein gutes Beispiel für eine massive Erweiterung und nicht des Verfalls des Sprech- und schreibvermögens ist die Onlinesprache,(2) in der neue Akronyme in Chaträumen, Emoticons oder Smileys bisherige Formen der Kommunikation ergänzen bzw. erweitern (Z.B. der Begriff Hashtag, der sogar einem bekannten Schriftzeichen einen neuen Inhalt zuordnet, nämlich ein Schlagwort, um im endlosen Netz bestimmte Inhalte auffindbar zu machen. Hash als die Bezeichnung für das Doppelkreuz # und tag im Englischen für Markierung).

Gleichwohl ist es bei aller Weiterentwicklung wichtig, grade die digitale Kommunikation kritisch zu hinterfragen und sorgsam damit umzugehen (Macht der Großkonzerne, Überwachung, Datenauswertung usw.) Allerdings geht es hierbei eher um eine Medienkompetenz als um Sprachvermögen oder Schreib-verfall.

Denn es hat in der Geschichte der Sprachen auch immer neue Ausprägungen gegeben wie z.B. Kurzsprachen, Steno, Boulevardzeitungen usw., ohne dass dadurch die Fähigkeit verloren gegangen ist, jeder Situation entsprechend die gesamte Fülle sprachlicher Möglichkeiten zu nutzen. So sind viele Blogbeiträge trotz z.B. einiger orthographischer Fehler eine Bereicherung zwischenmenschlicher Kommunikation und immer mehr dem klassischen Buch oder Zeitung ebenbürtig.

Anmerkungen:

1) Hinrich Jansen/Helmuth Rose in „Im Anfang war das Wort“, Seite 233, 1982                                      2) siehe auch:http://www.onlinesprache.de