{"id":885,"date":"2017-05-24T20:47:00","date_gmt":"2017-05-24T20:47:00","guid":{"rendered":"http:\/\/web349.c5.webspace-verkauf.de\/?p=885"},"modified":"2021-05-26T14:57:27","modified_gmt":"2021-05-26T14:57:27","slug":"die-alte-frau-und-das-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.troesser-art.de\/?p=885","title":{"rendered":"Die alte Frau und das Mehr"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"885\" class=\"elementor elementor-885\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-section-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-9b97ea1 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"9b97ea1\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-row\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-6fb4e90\" data-id=\"6fb4e90\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-column-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-2d3b61e elementor-widget elementor-widget-heading\" data-id=\"2d3b61e\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"heading.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t<h2 class=\"elementor-heading-title elementor-size-xxl\">Die alte Frau und das Mehr<\/h2>\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-03c2d1f elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"03c2d1f\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-row\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-f84ef4f\" data-id=\"f84ef4f\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-column-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-4123b87 elementor-widget elementor-widget-image\" data-id=\"4123b87\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"image.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-image\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"750\" height=\"499\" src=\"https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-768x511.jpg?v=1589825356\" class=\"attachment-medium_large size-medium_large\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-768x511.jpg?v=1589825356 768w, https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-300x199.jpg?v=1589825356 300w, https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-1024x681.jpg?v=1589825356 1024w, https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-1536x1021.jpg?v=1589825356 1536w, https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-2048x1362.jpg?v=1589825356 2048w, https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-830x552.jpg?v=1589825356 830w, https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-230x153.jpg?v=1589825356 230w, https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-350x233.jpg?v=1589825356 350w, https:\/\/www.troesser-art.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/DSC_0568-480x319.jpg?v=1589825356 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-e9605d5 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"e9605d5\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-text-editor elementor-clearfix\">\n\t\t\t\t<div class=\"entry-thumb\">\u00a0<\/div><div class=\"entry-content\"><h3>Die alte Frau schaltet morgens um 7 Uhr die Maschine ein. Sie ist eigentlich noch nicht zu alt, um zu wissen, was sie tut. Sie ist nicht zu alt, um zu gehen, lachen, tr\u00e4umen und dennoch muss sie Ihre Tagtr\u00e4ume vom ersten Sonnenstrahl durch die Bildmaschine ersetzen.<\/h3><h3>Es flimmert w\u00e4hrend sie duscht, w\u00e4hrend sie in der K\u00fcche fr\u00fchst\u00fcckt, w\u00e4hrend sie mittagisst, w\u00e4hrend sie sich zum Schlafen auszieht. Nur der Schlaf l\u00f6st die Maschine ab. Doch auch hierhin nimmt sie die Bilder f\u00fcr ihre Tr\u00e4ume mit.<\/h3><h3>Maschine und Sessel sind zu den wichtigsten M\u00f6belst\u00fccken geworden. Kommt sie vom Einkaufen zur\u00fcck, schaltet sie zuerst die Maschine ein, noch bevor sie den Mantel ausgezogen und die Taschen abgestellt hat. Schon am fr\u00fchen Nachmittag l\u00e4sst sie die Rolladen halb herunter, damit die Sonne nicht hineinschaut und sie beim Sehen in die Ferne st\u00f6rt.<\/h3><h3>Sie sagt, sie sei so alleine, wenn die Maschine nicht liefe. Doch selbst wenn die wenigen Freundinnen einmal zum Kaffee kommen oder die Enkel auf dem Sofa sitzen, dreht sie ihren Sessel nicht herum, schaltet sie die Maschine nicht ab. \u201eSie f\u00fcllt mir den Raum\u201c, sagt die alte Frau.<\/h3><h3>Die Maschine ist mehr als eine Maschine. Sie hat die Qualit\u00e4t eines redenden Gegen\u00fcbers, zu der sie die intimste Beziehung entwickelt hat, die sie noch unterh\u00e4lt. Durch die Maschine wird sie noch angesprochen, hier wenden sich ihr noch bildf\u00fcllend Gesichter zu. Hier wendet sich ihr \u00fcberhaupt noch jemand zu. Hier \u00f6ffnet sich ihr die Welt auf dem Schirm. Hier spielen sich noch Dramen ab. Und hier begegnet ihr noch die Liebe, die sich im Lauf der\u00a0 Geschichte bei ihr in einen undurchsichtigen Nebel der Sehns\u00fcchte verwandelt hat.<\/h3><h3>Funktioniert die Maschine einmal nicht, ist das Antennenkabel locker oder die Batterie der Fernbedienung leer, ger\u00e4t die Frau in Panik, die einer Konfusion gleicht, als w\u00fcrde ihr Sauerstoff entzogen. Der Blutdruck erh\u00f6ht sich schlagartig und in die sonst fast hypnotisch Ruhiggestellte kommt ungeahntes Leben. Sie l\u00e4uft \u00e4ngstlich und verwirrt durch den Raum. Unf\u00e4hig, das Antennenkabel\u00a0 wieder festzudr\u00fccken, ruft sie den Notdienst an, dessen Telefonnummer sie immer griffbereit hat.<\/h3><h3>Wenn die Maschine dann wieder l\u00e4uft, wenn ihr Zwangsritus wieder eingesetzt hat, verd\u00e4mmert wieder dieser sorgenfreie, quasi gl\u00fcckliche Ausdruck ihr Gesicht. Die alte Frau hat einen alltagskulturellen Zwang zum Hinsehen. Sie sieht und sieht, ohne einmal zu schauen. Sie lebt in der<em> \u201eUnm\u00f6glichkeit, nicht zu sehen\u201c<\/em> (Paul Virilio)<\/h3><h3>Dabei sind die Inhalte, die die Maschine der alten Frau pr\u00e4sentiert, austauschbar. Mehrere Stunden monotones Tennis oder Fu\u00dfball werden ebenso stumm konsumiert wie Werbespots, Nachrichten, Gottesdienste, Spielfilme, Serien,\u00a0 Ratgebersendungen, Kammermusik oder das Testbild. Und selbst wenn es nur flimmert, wenn sich die Sprache der Bilder aufgel\u00f6st hat und in ein bewegtes Rauschen zerflossen ist, l\u00e4sst sie die Maschine f\u00fcr sich laufen, besteht diese geheimnisvolle Beziehung zwischen ihr und dem Programmkino Welt. Mit oder ohne Programm.<\/h3><h3>Durch diese Unm\u00f6glichkeit nicht zu sehen, ist sie permanent \u00fcberbelichtet und merkt nicht, wie sehr sie dabei selbst zusehends mehr verdunkelt. Ihr Hirn ist mit Bildern zugestopft, die langsam verfaulen und ihr die letzten Windungen verstopfen. Die F\u00fclle kann sie nicht mehr verarbeiten. Das st\u00e4ndige beredet werden hat sie stumm gemacht. Die Bildflut halbblind. Dennoch kann sie den Blick nicht abwenden, obwohl sie sich auch nicht ganz hinwendet. Sie schwebt in einem elektro-optischen Zwischenraum, der einer Droge gleicht. Dieser Nebel im Rausch der schnellen Bilder ist ihr zur einzig lebbaren\u00a0 Daseinsform geworden.<\/h3><h3>Die Ritualisierung dieses Zwangsmechanismusses in ihrem Alltag hindert sie daran, einmal dar\u00fcber nachzudenken. Eingeklemmt im Sehzwang hindert sie sich selbst, Alternativen zu entwickeln. Sie vertraut ihr Leben der Bildmaschine an und f\u00fchlt sich in dem Theater gut aufgehoben. Da sie sich nicht selbst bewegen muss, bewegt sich langsam gar nichts mehr in ihr und dennoch hat sich durch die bewegten, bewegenden Bilder vor sich selbst das Gef\u00fchl, es w\u00fcrde sich noch viel bewegen.<\/h3><h3>W\u00e4hrend sich auf den Stra\u00dfen die Menschen ihren Mobilmaschinen hingeben, ist sie zur starren S\u00e4ule geworden, um die die Bilder tanzen. Dieses <em>\u201eoptische Vorbeirauschen\u201c<\/em>\u00a0 (Paul Virilio) h\u00f6rt nicht mehr auf. Es ist zur Grundbedingung ihres Lebens geworden, zu einer Art Grund-Rauschen, ohne dass der Raum dunkel ist, die Einsamkeit unertr\u00e4glich w\u00e4re. Durch das Bild-Fenster hat sie das Gef\u00fchl, teilzuhaben am Ganzen. Sie f\u00fchlt sich geborgen und sicher in dieser Welt zwischen Realit\u00e4t und Fiktion. Grade diese Grenzlinie gibt ihr den Reiz, wie die Grenzlinie zwischen Traum und Wirklichkeit.<\/h3><h3>Es kann sich immer nur eines bewegen:\u00a0 Das Bild oder der Betrachter. Bewegen sich beide, wird Wahrnehmung kaum mehr m\u00f6glich. Die Frau sitzt in ihrem Sessel wie vor einem sich schnell drehenden Gl\u00fccksrad auf der Kirmes, das sich immerzu dreht, an das man die Gl\u00fcckserwartung eines Gewinns heftet, dessen vorbeirauschende Bilder nicht mehr identifiziert werden k\u00f6nnen. Und nicht m\u00fcssen! Und von denen man nicht wei\u00df, dass man nichts gewinnen wird au\u00dfer den heilsamen Totschlag der unertr\u00e4glich langen Zeit. Bildgetummel als Zeitkompressor.<\/h3><h3>Folgt man Virilio, so erleidet die Frau auf Dauer eine <em>\u201eEnteignung des Blickes\u201c<\/em>. Ihr wird so nicht nur die verbleibende Lebenszeit ihres folgenden Lebens von morgens bis abends gestohlen, sondern dar\u00fcber hinaus auch noch ihr Schauen nach drau\u00dfen, ihr Gespr\u00e4ch mit den Enkeln oder die banale, wichtige Stille des Raumes. Durch die Enteignung des Blickes folgt eine Enteignung ihres Seins. Sie hat sich bereitwillig und gleichsam unbewusst einer fremden Quote \u00fcbereignet, deren anonymes Teilchen sie geworden ist.<\/h3><h3>Es ist eine visuelle Verwirrung und Enteignung eingetreten, die von der Frau als das genaue Gegenteil empfunden wird. Das ist das Paradoxe:\u00a0 Es wird ihr genommen und sie empfindet es als Geschenk. Als Gewinn. Alles geschieht freiwillig, alles geschieht ohne Zwang, oder sollten wir besser sagen: Es geschah freiwillig, es geschah ohne Zwang? Sie selbst setzt die Bildmaschine Tag um Tag in Gang, ohne die sie nicht mehr leben kann. Hier erinnert sie uns an die Nonne, die sich freiwillig und kraft ihrer eigenen Entscheidung dem Kreuz eines langen Klosterlebens unterwirft und gerade diese Enge aus ihrem Glauben heraus als Heil, das Kreuz als Geschenk, den Weg der Entsagung als Gnade empfindet.\u00a0<\/h3><h3>Am Anfang war nicht das Wort, am Anfang war das Bild. Am Ende ist das Bild. Dazwischen nur bewegte Bilder als Labsal des Allt\u00e4glichen. F\u00fcr die Frau ist die Maschine zu einem Gott, das Sehen zu einer Religion bewegter Bilder geworden. Sie pflegt ihre Seh-ecke wie fr\u00fcher ihre Eltern den kleinen Altar mit Heiligenbildern und Devotionalien. War fr\u00fcher der Rhythmus des Alltags durch religi\u00f6se Riten bestimmt, durch Morgengebet oder der <em>Angelus Dei<\/em> am Mittag, wenn die Bauern auf dem Feld innehielten, so ist es jetzt die Bildmaschine, die der Frau nicht nur Sinngebung sichert, sondern vor allem ihren Alltag rhythmisiert. Sie schaut nicht auf die Uhr, sie erkennt an der Melodie der Serie oder dem Signal der Nachrichtensendungen die Zeit und richtet sich entsprechend ein. Ihre Uhren sind seit langem stehen geblieben, sind sie f\u00fcr die Frau doch zum l\u00e4stigen \u00dcberbleibsel einer alten Zeit geworden.<\/h3><h3>Durch die Maschine hat f\u00fcr die alte Frau das Wort Glaube eine neue Bedeutung bekommen. Fr\u00fcher hatte sie an den unsichtbaren, gro\u00dfen, allm\u00e4chtigen Gott geglaubt, der ihr Leben von der Geburt bis zum Tod begleiten w\u00fcrde, vom Anfang bis zum Ende eines jeden Tages. Glaube wurde zu einer sicheren Gewissheit, mit der die alte Frau gut leben konnte. Sakramente, S\u00fcnde oder Bu\u00dfe waren ihr zu gesetzten, lebensbestimmenden Gr\u00f6\u00dfe geworden.\u00a0 Den Rest erfuhr sie durch Volksweisheiten, Resten elterlichen Vorbilder und einem Allgemeinwissen.<\/h3><h3>Durch die Maschine muss sie nun nicht mehr an den allm\u00e4chtigen, allwissenden, allumfassenden unsichtbaren Gott glauben, denn pl\u00f6tzlich hat der Glaube, ja letztendlich auch Gott ein Gesicht bekommen, ist so zu einer noch sichereren Gewissheit und Wahrheit geworden als ihr fr\u00fcherer Glaube. Durch diese <em>\u201eAllwissenheit und Allgegenw\u00e4rtigkeit\u201c<\/em> der Medien sieht der Medienwissenschaftler Norbert Bolz einen <em>\u201eReligionsersatz\u201c<\/em>.<\/h3><h3>H\u00f6rten fr\u00fcher die Menschen in abgedunkelten Kirchen die Predigten von der Kanzel und gerieten dabei mit halb ge\u00f6ffneten Augen in diesen Zwischenraum zwischen Tran und Traum, schauten alle in eine Richtung, lauschten, ohne hinzuh\u00f6ren, wurden bei der Kommunion oder dem Gebet eins mit dem Allm\u00e4chtigen, so sind heute alle Sch\u00fcsseln und Antennen in die Richtung der allm\u00e4chtigen Ansprachen gerichtet. Die Moderatoren, Anchormen, Talkmasterinnen oder Nachrichtensprecher plappern um den heiligten Gral und geben der alten Frau ebenso das Gef\u00fchl teilzuhaben an der gro\u00dfen Gemeinde Welt, ohne eigentlich teilhaben zu m\u00fcssen. Kommunio\u00a0 medialis.<\/h3><h3>Funkzeitungen, in denen der Ablauf steht, gleichen den Gebetb\u00fcchern, die die einzelnen Gottesdienste bestimmen. Serienhelden mit ihren Dramen und Liebschaften werden zu emotionalen Bez\u00fcgen, deren Geschichten sie aufsaugt, als l\u00e4se sie in der Bibel. Alles, was sie sieht und selbst nicht mehr leben muss oder will, nimmt die alte Frau willkommen als Fremdleben an.<\/h3><h3>Das Ende einer Serie, das Ende eines liebgewonnenen Schauspielers erzeugt der alten Frau einen Schmerz, als sei ein alter Freund oder heimlicher Geliebter verstorben. Eine Trauer, die nur durch weiteres Hinsehen kompensiert werden kann. Ich sehe, also bin ich. Ich schalte ab, also sterbe ich.<\/h3><h3>Je mehr sich in dieser Hinwendung der alten Frau das Bild zum Eigentlichen emanzipiert, auch wenn die Inhalte austauschbar sind, umso mehr wird die alte Frau abh\u00e4ngig und entfremdet. Umso weniger bleibt sie sie selbst. Je mehr das <em>Bildmeer ihr als Mehr-Bild <\/em>eine Gestaltung vorspielt, um so weniger kann sie selbst noch gestalten. Dabei ist sie gen\u00fcgsam in der F\u00fclle der vorbeifliegenden Tempobilder geworden, bescheiden in der Vielfalt. In dem Gef\u00fchl, immer mehr zu bekommen, wird sie gleichsam entleert.<\/h3><h3>Bei all ihren Beziehungen zu den Vorspielern, deren Geschichten sie in ihren Tr\u00e4umen weitertr\u00e4umt, vereinsamt die alte Frau zusehends, ihr Herz wird irgendwann enger und ihre Hoffnung hat sich irgendwann in das Gegenteil verkehrt.<\/h3><h3>Einmal kommt die alte Frau ins Krankenhaus. Hier ist sie gut aufgehoben. Hier wird sie von wei\u00dfen Helfern umsorgt von morgens bis in die Nacht. Hier hat die Frau eine Bettnachbarin als Gespr\u00e4chs-partnerin.<\/h3><h3>Doch schon am ersten Tag fordert sie: <em>\u201cSchwester, machen Sie die Maschine an!\u201c<\/em> Sie wusste nicht wohin mit ihren Augen. Dann endlich haben diese Augen wieder einen sich schnell bewegenden Ruhepol gefunden. Die Maschine flimmert tonlos von der Wand. Zwei Tage dauert es bis die alte Frau merkt, dass es Ohrh\u00f6rer gibt. Seitdem liegt sie da, die H\u00f6rer \u00fcber dem Kopf und selbst wenn die j\u00fcngeren Generationen sie besuchen kommen, schaut sie kaum von der Maschine weg, h\u00f6rt sie kaum hin, weil ihr Mediengott kaum n\u00e4her zu ihr sprechen kann, als unmittelbar am Ohr. Hier hat sie ein \u00e4hnliches Gef\u00fchl der N\u00e4he wie damals, als Gott in Form der Hostie w\u00e4hrend der heiligen Kommunikon in sie gekommen ist.<\/h3><h3>Dann stirbt die alte Frau. Doch nicht an einer k\u00f6rperlichen Krankheit, sondern an einer seelischen. Die jahrelangen Bilder haben der Frau s\u00e4mtliche Regungen genommen, der letzte Sinn f\u00fcr eine Realit\u00e4t wurde durch das Mehr der bewegten Bilder verwischt, dann aufgel\u00f6st. Doch die alte Frau empfindet dabei keine Angst, kein Drama, war sie doch schon lange Teil dieser gro\u00dfen Maschine geworden deren Heilversprechen nicht im Jenseits nach dem Jammertal Erde lagen, sondern in der diesseitigen, t\u00e4glichen Teilhabe am Ganzen<\/h3><h3>Man findet sie eines Tages auf ihrem Sessel, w\u00e4hrend gegen\u00fcber die Maschine irgendein Tennismatch \u00fcbertr\u00e4gt, bei dem sich der Star in die Augen und Herzen der Zuschauer spielt und gewinnt.<\/h3><h3>Drau\u00dfen l\u00e4uten irgendwo Glocken. Aus einer anderen Maschine.<\/h3><pre>C Text\/Foto Michael Troesser-<\/pre><\/div>\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die alte Frau und das Mehr Die alte Frau schaltet morgens um 7 Uhr die Maschine ein. 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