{"id":8757,"date":"2024-06-13T21:02:04","date_gmt":"2024-06-13T21:02:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.troesser-art.de\/?page_id=8757"},"modified":"2024-06-13T21:07:00","modified_gmt":"2024-06-13T21:07:00","slug":"haeutung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.troesser-art.de\/?page_id=8757","title":{"rendered":"H\u00e4utung"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"8757\" class=\"elementor elementor-8757\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-section-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-5867707 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"5867707\" data-element_type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-row\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-360e123\" data-id=\"360e123\" data-element_type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-column-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-94d8990 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"94d8990\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-text-editor elementor-clearfix\">\n\t\t\t\t<h5><\/h5><p><\/p><p><\/p><p><\/p><p><\/p><p><\/p><h5><\/h5><p><\/p><p>Er ist blind.<\/p><p>Stumm tastet er sich durch sein Leben. Das Dunkel ist ihm zur Gewohnheit geworden. Die Ruhe zur Heimat. Es schenkt ihm die schutzvolle Sicherheit, in der er sich eingerichtet hat wie in einem engen Mutterleib der angstfreien Versorgung.<\/p><p>Er lacht wie das naive, gedankenfreie Kind.<\/p><p><br \/>Nach einer langen Zeit des Selbstveressens ertastet er pl\u00f6tzlich einen Raum. Mit den Fingerspitzen sucht er sich an den W\u00e4nden entlang und sp\u00fcrt einen neuen, nie gekannten Geruch, der ihn magisch anzieht und h\u00e4lt. Es ist eine Art Salbe, eine Seife, die er nicht orten kann. Er hat Angst vor einem Gift und Sehnsucht nach einem neuen Gef\u00fchl gleicherma\u00dfen in seiner ereignislosen, stillen Zeit.<\/p><p><br \/>Dann \u00fcberkommt ihn die Lust. Er bohrt seine Finger in die neue, weiche Welt, kr\u00fcmmt die Daumen, taucht die H\u00e4nde ein und windet sich in der Ahnung dieses neuen Gef\u00fchls.<\/p><p>So steht er lange auf dem Fleck und formt wie getrieben in zarten Drehungen mehr und mehr Schaum, der langsam w\u00e4chst und ihn in spannende Vorahnung versetzt.<\/p><p><br \/>So, als erwarte er etwas Wichtiges, legt er St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die Kleider ab und merkt, dass ihm nicht k\u00e4lter, sondern w\u00e4rmer, wohliger wird. W\u00e4hrend er sich dabei b\u00fcckt, streift sein Gesicht wie durch Zufall den Schaum an seinem Arm. Im selben Moment bricht in seine Finsternis ein kurzer Strahl wie ein heller, Kraft spendender Sekundenblitz.<\/p><p><br \/>Erschrocken und tief bewegt von diesem ersten, unheimlichen Licht nimmt er gierig die Seife und dr\u00fcckt sie in wilden, kreisenden Bewegungen auf die erst geschlossenen, dann ge\u00f6ffneten Augen. So wischt er sich wie im Wahn neugierig mehr und mehr seine alte, dunkele Welt aus dem Gesicht.<\/p><p>In diffusem Licht geben sich ihm nun neue, geheimnisvolle Dinge frei, deren Gr\u00f6\u00dfe und Bedeutung er nur langsam erahnen, erfassen, begreifen kann.<\/p><p><br \/>Er findet sich vor einem \u00fcbergro\u00dfen Spiegel, auf den er gebannt und geblendet starrt. Alles andere bleibt dunkel und ohne Bezug zu ihm.<\/p><p>Doch er erblickt darin nicht sich, sondern sein Ebenbild aus wei\u00dfem, glatten Marmor, unbeweglich und kalt.<\/p><p>Die Z\u00fcge sind fein getroffen, die Kanten geschliffen, die Oberfl\u00e4che makellos poliert, zurechtgemacht wie f\u00fcr ein Kabinett von Marmorleichen.<\/p><p>Die Haare sind zu erkennen, selbst die Narbe an der Schl\u00e4fe ist ihm geblieben. Seine Schultern sind nach den seinen geformt, sein K\u00f6rperbau ist ebenm\u00e4\u00dfig, sein Geschlecht liegt schlafend und gesch\u00fctzt in seiner Marmormulde. Die glanzlosen Augen sind unbeweglich und leer, tiefe H\u00f6hlen aus getrocknetem, verlebtem Gestein.<\/p><p><br \/>Wie von einem zauberhaften Wahn getrieben reibt er immer mehr des Regenbogenschaums in seine Augen, die er damit salbt und weiter zu \u00f6ffnen versucht, um noch mehr zu erkennen, erkunden seine neue, unbekannte Welt.<\/p><p><br \/>Zugleich beginnt der Marmor sich langsam in tausende winzige Schichten zu sch\u00e4len. Wie d\u00fcnnste Schalen vergessener Eier fallen mal hier, mal dort kleine St\u00fccke aus dem Stein heraus , fallen ins Leere auf einen Boden, den sie nie zu erreichen scheinen. Sie schweben f\u00f6rmlich in der Luft und verharren dort.<\/p><p>All dies versetzt ihm \u00e4ngstliche Stiche, gleichsam schafft es ihm eine ungekannte Befriedigung, eine neugierigen Ahnung.<\/p><p><br \/>Fasziniert und ergriffen von diesem reizvollen Spiel des Erweckens f\u00e4hrt er fort, seinen gesamten K\u00f6rper, jede Faser seiner Haut wie ein Irrer mit dem Schaum zu bedecken. Er salbt die Schultern, reibt sich die Brust, streicht \u00fcber die Arme, sein Geschlecht, wischt seine Beine bis er schlie\u00dflich bis zum letzten Zeh und Haar sich mit dem Schaum der Erkenntnis fast zur Unkenntlichkeit umwoben hat. Sein Ich verliert sich und wird zu einem weichen, riechenden neuen Es.<\/p><p><br \/>Langsam aber unausweichlich zerf\u00e4llt nun der Marmor seines Ebenbildes. Zug um Zug schmelzen die Schalen des Gesteins in nichts. Bei diesem geheimnisvollen Spiel \u00f6ffnen sich immer neue Schichten, geheimnisvollen H\u00e4uten gleich. Oberfl\u00e4chen aus Eisen und Bronze ebenso wie wie weichem Stoff und alt gegerbtem Leder.<\/p><p>Oft \u00fcberschneiden sich die Schichten. Noch ist die rechte Wange aus Bronze, schon ist die Stirn aus Leder. Ungeahnte Hautvariationen bedecken in immer neuen Spielformen sein Ebenbild im Spiegel. Der Marmor verliert seine feste Bedeutung.<\/p><p><br \/>Als er schlie\u00dflich durch den d\u00fcnnen Schaum aus neugierigen und gleichsam wachen Augen in den Spiegel schaut, sieht er an seinem Ebenbild an allen Stellen eine neue Struktur.<\/p><p><br \/>Nach wieder einer unbeschreiblich langen Zeit dieser Wandlung schmerzt sein K\u00f6rper derart, dass ihm die Sinne zu vergehen drohen und er sich nichts sehnlicher w\u00fcnscht, als wieder blind zu sein, dunkel geborgen im erkenntnislosen Schlaf. Denn er hat im Spiegelbild seine eigene, vielfach entstellte Haut entdeckt. Er windet sich<\/p><p>f\u00f6rmlich in der unerwarteten Qual \u00fcber das Angerichtete. Zitternd nimmt er erneut die Seife in beide H\u00e4nde, um sich rein zu waschen, weil er sich davon Linderung vom Dauerlicht der Erkenntnis verspricht.<\/p><p>Doch der Schmerz bleibt.<\/p><p><br \/>Schlie\u00dflich sieht er, wie die Haut des Ebenbildes zu brodeln beginnt. An allen Seiten, auf allen Materialien bilden sich Falten und Runzeln, Geschw\u00fcre und Furunkel, stinkende Vulkane, die brennen wie das Feuer einer selbst erw\u00e4hlten H\u00f6lle. Wie ein Lauffeuer verzehrt sich das zuvor steinerne Bild des Gegen\u00fcbers und die Angst vor der sichtbaren, neuen Wahrheit l\u00e4sst ihn erzittern. Er versucht die Augen zu schlie\u00dfen und sehnt sich immer st\u00e4rker zur\u00fcck in das gl\u00fcckliche Gef\u00e4ngnis seiner Blindheit.<\/p><p><br \/>Nach einer schmerzvollen Zeit, die ihm wie das endlose durchqueren eines Tunnels erscheint, sind ihm schlie\u00dflich alle H\u00e4ute wie weggebrannt. Nackt und transparent steht er sich nun gegen\u00fcber und sieht entsetzt das flie\u00dfende Blut in den Adern, die Muskelstr\u00e4nge und an manchen Stellen seine Knochen hinter der verlassenen Haut. Voller Schrecken sieht er in das gl\u00e4serne Gesicht seines Spiegels .<\/p><p><br \/>Doch entsetzt sieht er nicht sich, sondern die eisernen Z\u00fcge eines Vaters. Die Strenge seines schmalen Mundes, die K\u00e4lte seiner pr\u00fcfenden Augen, die H\u00e4rte seiner \u00fcberm\u00e4chtig hohen Stirn, die Dornenkrone. Aus Angst vor dem neuen Geheimnis schreit er, doch niemand h\u00f6rt ihn au\u00dfer den W\u00e4nden des Raumes, die teilnahmslos widerhallen. Er trommelt mit den F\u00e4usten wie wild gegen den Spiegel seines v\u00e4terlichen Ebenbildes, doch er schl\u00e4gt nur seine eigenen Wunden. Aus Verzweiflung grinst er h\u00f6hnisch, doch auch das kann den Spuk nicht vertreiben. Nichts gelingt ihm. Je mehr er schl\u00e4gt, um so mehr schmerzen seine Wunden. Je mehr er abl\u00e4sst, umso mehr verfolgt es ihn. Einmal sucht er noch die alten Marmorschalen, um m\u00fchsam sein Marmorebenbild wieder zu formen, doch wie er sich auch anstellt, es wird immer zum Bild eines Vaters.<\/p><p>Schlie\u00dflich ist er in Versuchung, sein Bild dem des Vaters anzugleichen, um Linderung zu erhalten. Fast spielerisch baut er hier die Strenge des schmalen Mundes nach, dort seinen kalten Blick, mit den H\u00e4nden simuliert er eine Dornenkrone.<\/p><p><br \/>Genau in diesem Augenblick wird es still. Wie von Ferne erklingt sanfter Glockenklang und es geschieht die Wandlung, die ihn zum Leben und Lieben erweckt..<\/p><p><br \/>Denn anstatt das Gepr\u00e4ge des Vaters erscheint St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, Organ f\u00fcr Organ wieder sein lebendiges, wohlgeformtes Gesicht, sein K\u00f6rper, den er blind nicht erkannte, jetzt Ort aller Sehnsucht.<\/p><p>Eben noch versunken und bet\u00e4ubt in hoffnungslosem Schmerz ist ihm nun, als beginne ein neuer Morgen.<\/p><p>Denn mit einem Mal \u00fcben sich die Schultern wieder in ihren kreisenden Bewegungen, die Arme und Beine gehorchen seine W\u00fcnschen, sein Geschlecht erwacht und noch ehe er es recht gewahr wird, beginnen die Beine einen ersten Tanz.<\/p><p><br \/>Erst steif und ungelenk versuchen sie sich vom Boden zu heben, doch schon nach kurzer Zeit \u00fcberkommt ihn eine Freiheit von Anmut und Grazie, die ihn magisch anzieht wie ein Versprechen auf eine helle, sehende Zukunft. Als er in den Spiegel schaut wird sein Es wieder zu seinem Ebenbild, das sich die hellen R\u00e4ume seines neues Leben mehr und mehr erschlie\u00dft. Immer neue Erker voller M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen sich seinen neugierigen Blicken und erstmals strahlt ihm wieder W\u00e4rme entgegen wie Momente erster Geborgenheit.<\/p><p><br \/>Der Schaum ist nun vertrocknet, die Seife verbraucht. Geblieben ist einer, der durch den Schmerz nie vergessener Momente den Kelch der Erkenntnis gewonnen, das Tanzen gelernt und im Raum schwebend das Sekundenspiel der Augenblicke begriffen hat. Das tiefe Tal der H\u00e4utung hat ihn zu seinem eigenen Menschen gemacht.<\/p><p><br \/>Nur manchmal, manchmal sehnt er sich zur\u00fcck zu der Blindheit des Anfangs, dieser erkenntnislosen Form des Seins, das gedankenlose Gl\u00fcck der fr\u00fchen Gef\u00fchle. Doch diese bildlose Dunkel ist verschlossen f\u00fcr immer.<\/p><h5><\/h5>\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist blind. Stumm tastet er sich durch sein Leben. Das Dunkel ist ihm zur Gewohnheit geworden. Die Ruhe zur Heimat. Es schenkt ihm die schutzvolle Sicherheit, in der er sich eingerichtet hat wie in einem engen Mutterleib der angstfreien Versorgung. Er lacht wie das naive, gedankenfreie Kind. 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