Ein Bekenntnis

Wann kann, darf und soll man sein Leben selbst bestimmt beenden:

“Die Freiheit zu leben und zu sterben” Ein Bekenntnis von Tilman Jens

Eigentlich sollte das Buch des streitbaren Journalisten, Autors und Dokumentarfilmers Tilman Jens ein Bekenntnis werden, die Offenlegung seiner jahrelang dramatisch fortschreitenden Krankheit Diabetes. 2001 hatte er ein ähnliches Buch über die “Demenz” seines, damals noch lebenden Vaters, den großen Deutschen Denker, Autor und Pen-Präsident Walter Jens veröffentlicht. Schonungslos hatte er die Krankheit des Vaters geschildert bis in die intimsten, unschönen Details. Er erhielt dafür viel Kritik und Psychologen hatten dieses Buch u.a. als hilflose Reaktion eines unter der Übermacht seines großen, prominenten Vaters leidenden Sohnes interpretiert, der in der Familie immer ein “Enfant terrible” war.

Doch anders als seine Analyse und Beschreibung der Krankheit seines Vaters, ist und bleibt sein letztes, 2021 erschienenes Buch ein unvollständiges Fragment, denn kurz vor der Fertigstellung hat Tilman Jens mit Hilfe Dritter seinem Leben Ende gesetzt als eine der größten Formen der Freiheit menschlichen Daseins. Der Tod, vor allem der Suizid wird als höchste Form der Freiheit empfunden ebenso wie die Möglichkeit zu leben, nachdem man aus der Umschlossenheit des Mutterleibes in sein eigenes Leben geworfen wurde. Entsprechend heißt das Buch auch: ”Die Freiheit zu leben und zu sterben”.

Schon in den ersten Sätzen des Buches beschreibt Jens sein Todesurteil im März 2019, als zwei Vorstandsmitglieder der Raiffeisen- und Volksbanken-Versicherung den Daumen senkten und ihm eine Kreditbürgschaft-Police für den Fall des Ablebens nicht ausstellen wollen: ”Einer wie ich sei der Gemeinschaft der Versicherten nicht zuzumuten. Zu fortgeschritten seien die Folgeschäden meiner Diabetis-Typ-2-Erkrankung…Nach statistischer Wahrscheinlichkeit werde mich der Tod vor der vollständigen Rückzahlung meines Darlehens in fünf Jahren ereilen.” Von diesem – an Kafka erinnernden – Beginn rollt sich das Buch quasi vom Ende her auf. Wobei das große Thema die verdrängten Symptome sind, die schon Jahre zuvor diagnostiziert, aber von ihm nicht ernst genommen wurden: ”Ich bin selbstständig aus Passion. Mein Appetit auf Reisen, meine Gier auf immer neue Abenteuer hat früh begonnen.”
Von da an wird das Buch seine Biografie, ausführliche Berichte über die entlegendsten, z.T. gefährlichen Orte der Welt, um seinen journalistischen Beruf zu leben, wobei parallel immer wieder das Gespenst der todbringenden, irreversiblen Krankheit aufscheint, die “untrennbar mit meinem Freiberuflerdasein verbunden ist”.
Doch anders als bei einem Raucher, der am Ende seines zu kurzen Lebens sagt, er bereue keine Zigarette, bereut Jens viel: ”Kurzum, ich habe es selber verbockt”.
An dieser Stelle wird dem Leser Mitleid schwer, denn die Hetze durch sein Leben ist parallel immer die Hetze seiner Krankheit, die ihn ständig einholt und schwächt, doch er hetzt verdrängend weiter. Als seine Zehen amputiert werden und weitere Amputationen drohen, kommen dann doch erste Selbstzweifel auf, er will kein Pflegefall werden, wie soll er es der Welt sagen oder seiner alten Mutter, denn bisher hatte er es nur seinen engsten Freunden davon erzählt.

Auch an den Lücken in den Kapiteln (“Hier habe ich nicht weiterschreiben können”, oder bei einem weiteren Kapitel des Buches gibt es nur eine Überschrift und eine leere Seite) sieht man schon, wie sich die Situation weiter zuspitzt, zumal er nie für das Alter vorgesorgt hat, ständig unter Geldmangel leidet, ihn die Liebe nach Sarajevo verschlagen hat und vor allem durch Corona sein Arbeiten als freiberuflicher Journalist sehr erschwert. Hinzu kommen ehrliche Darstellungen über die Folgeerscheinungen dieser Krankheit, z. B. sexuelle Probleme. Und immer wieder die Auseinandersetzung mit dem Tod. Er hat keine Kinder und “Genetisch betrachtet wird von mir nichts bleiben.” Nachdem sich seine Geliebte aus Sarajevo von ihm trennt, die Geldnöte trotz der Hoffnung eines großen Erbes ihm neben der Krankheit die Kehle zuschnüren, wird der Tod immer sichtbarer, quasi lebendiger, das Leid unerträglicher.

Dem Ende entgegen zitiert er sich selbst in langen Passagen seines 2007 erschienen Buches über seinen Vaters, der sich selbst schon sehr früh mit der Problematik des, vor allem assistierten Suizid auseinandergesetzt hat, einem bis heute stark tabuisierten Thema unserer so modernen Gesellschaft. Er hatte seinem Vater versprochen, ihm aus dem Leben zu helfen, doch diesen Wunsch hat schließlich das Schicksal selbst erledigt. Und mitten in seinen Überlegungen zu der Sterbehilfe endet das Buch abrupt mit den
Sätzen: “Wie wäre es zum Beispiel, das Eheversprechen “bis dass der Tod euch scheide” ungewohnt wörtlich zu nehmen? Als Ermunterung zu einem existentiellen, intimen und immer wieder neu zu beginnenden Gespräch: Wie willst Du, wie wollen wir sterben?”

Was wirklich in den letzten Monaten, Wochen Tagen vor seinem selbst gewählten Tod am 29.Juli 2020 geschah, erklärt in einem ausführlichen Nachwort sein ehemaliger Freund und Arbeitskollege Heribert Schwan. Ergänzt von seinem jahrelang ihn begleitenden Kameramann Matthias Jim Günther.

Am 14 August 2020 strahlte das ZDF in der Kultursendung aspekte den letzten, kurz vor seinem Tod erstellten TV-Beitrag von Tilman Jens aus, ausgerechnet zum Thema “Der Umgang mit Trauer”, vor allem auch in Zeiten von Corona. Übrigens schlugen ihm nach seinem Tod seine Mutter Inge (ein Jahr später gestorben) und sein Bruder Christoph das Erbe wegen Tilmans Verschuldung aus, sie wollten auch post mortem nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zum Tod und Sterben, aber auch zum Leben. Eine ernsthafte Aufforderung zum ehrlichen Umgang mit Suizid, mit dem Recht auf ein selbst bestimmtes Ende, wenn der Schmerz unerträglich wird, ein philosophischer Beitrag zum Thema wo beginnt Freiheit zu leben und wo die Freiheit zu sterben? Durch die so persönliche, offene Darstellung dieses Themas eines Betroffenen, lässt das Buch die Leser und Leserinnen mit der Aufgabe zurück, über das eigene Leben, vor allem aber sein eigenes Ableben nachzudenken und fühlen.

Nichts für Zartbesaitete, aber dennoch absolute Leseempfehlung.

Michael Troesser/2021

Tilman Jens / Die Freiheit zu leben und zu sterben / Ein Bekenntnis / Originalausgabe 06/2021/ Ludwig Verlag München / ISBN: 978-3-453-28142-4

 

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