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Wenn alte Fotos wieder leben….

Kellner, Kö & Kohle

Zeitreise durch Düsseldorf 1945-1949

Zugegeben, zeitgeschichtliche Dokumente haben es schwer in einer mediendurchtränkten Zeit von leichter Unterhaltung, Quizshows und der Bilderflut im Netz. Vor allem aber, wenn es sich hierbei um historische Schwarz-Weißfotos aus einer bestimmten Epoche oder Stadt handelt. Diese sind zwar kulturgeschichtlich wichtige Zeugnisse, wirken aber oft angestaubt, leblos oder wie eingefroren und benötigen meist weitere Erklärungen oder Einordnungen. Dies gelingt speziellen Einrichtungen (wie z.B. einer „Mahn- und Gedenkstätte“) in entsprechenden Bilderausstellungen zwar sehr gut, die aber trotz Animation und Erklärungen oft nur ein spezifisches, hoch interessiertes Fachpublikum ansprechen, wenn überhaupt.

Gleichwohl gab (und gibt es bis heute) seit der Entwicklung der Fotografie, später Film unzählige Menschen, die davon besessen sind, mit Ihren Fotoapparaten die Zeit durch Ablichtungen anzuhalten, zu konservieren und teilen zu wollen. Ihre Blicke durch die (Foto-)Apparate auf Welt spiegeln diese und frieren die unzähligen Augenblicke für Generationen ein. Nicht umsonst heißt fotografieren auch ein Bild „aufnehmen“, um es dann den Betrachtenden für jetzt und für die Zukunft abzugeben.

Ein solcher vom Bildersammeln besessener war der Journalist und Fotograf Hans Berben, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Fotograf und Journalist beim „Rhein-Echo“ in Düsseldorf später auch für den Spiegel schrieb und fotografierte. Allerdings ging es ihm nicht nur wie vielen Zeitungsfotografen um das Ablichten einzelner Aktionen, Ereignisse, Unfälle, sondern daneben auch immer wieder um die Menschen selbst, um Fotos, die eine Geschichte erzählen, Bilder, aus denen Freude, Schmerz, Verzicht und Aufbau ihren schwarz-weißen  Ausdruck finden. Ihm geht es vor allem um die Bilder hinter den Bildern. So sind zwischen 1945 bis 1949 über 11000 (!) Aufnahmen entstanden, die er in Negativhüllen gesammelt und in Kisten aufbewahrt hatte, bevor Berben schwer erkrankte und kurze Zeit später starb. 

Über Umwege gelangte dieser wertvolle Schatz für den symbolischen Betrag von einem Euro in das Zentrum für Medien und Bildung Düsseldorf, das einen großen Teil der Bilder digitalisierte, um sie in seinem umfangreichen Bildarchiv der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Filmemacher Tom Lovens und seine Kollegin Angela Giebmeyer vom ZMB sichteten die Fotos, fanden eine „Menge an bunten, skurrilen und informativen Geschichten“. Dies führte zu der Idee, daraus einen modernen und gleichzeitig spannenden zeitgeschichtlichen Dokumentarfilm mit „echten“ Schauspielern zu drehen: „Aus diesen Quellen sprudelten uns die Ideen für das Drehbuch geradezu entgegen. Die meisten haben es in den Film geschafft, aber natürlich stecken in den Bildern noch viel mehr Geschichten, als wir in unserem Film erzählen können“.

Herausgekommen ist der Film: “Kellner, Kö und Kohle – Zeitreise durch Düsseldorf 1945-1949“, ein unter vielen Aspekten außergewöhnlich kreatives, gleichzeitig historisch exaktes recherchiertes und mit aufwändiger Montagetechnik hochprofessionell umgesetztes Werk, das am 26. Oktober 2021 im UFA-Palast Düsseldorf mit viel Prominenz und Anerkennung eine große Premiere feiern konnte. 

Zwei im Stil der Vierzigerjahre gekleidete Schauspieler Svenja Wasser und Thomas Wittmann treffen wie zufällig den Fotografen Hans Berben, gespielt von Jonathan Schimmer auf der heutigen Königsallee, von wo aus sie uns mitnehmen auf die Reise durch die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, dieser Epoche zwischen Drama und Aufbruch, Angst und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

In 46 einzelnen thematischen Kapiteln wird so anhand unzähliger Schwarz-Weiß-Fotos die aufregende Geschichte vor allem der Stadt Düsseldorf erzählt, wobei die „Kö“ immer wieder eine wichtige Rolle spielt, als roter Faden und Schlagader der Stadt sozusagen.

Das spannende an dem Film ist nicht nur das Wechselspiel zwischen den alten Fotos und den heutigen Orten der Stadt als farbige Filmeinblendungen, sondern vor allem das zentrale Stilelement der Verknüpfung historischer Aufnahmen mit den Schauspielern. Diese werden derart professionell, d.h. in der richtigen Größe und Perspektive in die alten Fotos eingebaut, sodass man meint, sie wären Teil der alten Fotografie. Denn sie beginnen plötzlich zu sprechen, richten sich an die Zuschauer und erklären ihnen die Szene so, als seinen sie dabei gewesen, schließlich sieht man sie real zwischen den aufgenommenen Menschen.

So bekommen die zweidimensionalen Fotos plötzlich eine Dreidimensionalität, so als würden sie lebendig. Diese durch geschickte Montage erzeugte neue Realität als Verknüpfung von alter Bildgeschichte und sprechender Figur sowie der Wechsel von alten Fotos und aktuellen Film hält die Zuschauer in Atem, ermöglicht ihnen selbst auch Teil der Szene zu werden. „Durch die Montage am Schnittplatz sollten historische Fotos und reale Szenen möglichst wie aus einem Guss wirken“, so das Filmheft.

Diese Ebenenwechsel lässt den Dokumentfilm keine Minute langweilig werden, ist man doch schon in der nächsten Szene gefordert, ebenfalls um zu switchen und ist gespannt, wie das nächste Kapitel erzählt wird. Diese Kapitel sind z.B. „Die politische Neuordnung in NRW mit Eröffnung des Landtags“, “Das erste Schützenfest in der Altstadt“, “Stadtrundgang und Schutträumung“ bis „Mutter Ey“, um nur einige zu nennen. Aber auch andere, z.T. skurrile Szenen wie das „Kellnerrennen über die Kö“, bei dem es um ein Wettrennen in Kellnermontur und Tablett mit gefüllten Gläsern ging, erzeugen Schmunzeln und werfen ein neues, bisher nicht gekanntes Bild auf die Stadt.

Dieser Grenzgang zwischen Historie und Neuzeit, Farbfilm und Schwarz-weiß-Foto wäre in dieser Intensität nicht möglich ohne das beeindruckende Sounddesign von Heiko Walter, also die Geräusche unter den Bildern, sowie die für jede Szene speziell komponierte Musik von Klangkönner GbR aus Düsseldorf, die das Filmerlebnis zu einem eindrucksvollen Gesamtkunstwerk machen.

Daher uneingeschränkte Empfehlung für alle, die sich für Düsseldorf und den Beginn eines neuen Bundeslandes NRW interessieren. Kurzweilige Unterhaltung und tiefgründige Zeitgeschichte gleichermaßen garantiert.könner

Film Trailer:      https://www.youtube.com/watch?v=engf4fol708                                                        Weitere Infos : https://medien-und-bildung.lvr.de/de/kellner_koe_kohle/infos/infos_2.html

Ab November 2021 wird der Film in verschiedenen Kinos in Düsseldorf gezeigt.

Der Film ist auf DVD (12,90 Euro) erhältlich und erscheint im November 2021 auch auf Blu-Ray (17,90 Euro). Zum Umfang gehören deutsche und englische Untertitel sowie Hörfilm und Gebärdensprachfilm. Bestellungen können per E-Mail oder postalisch an Irena Piorecki, irena.piorecki@lvr.de, LVR-Zentrum für Medien und Bildung, Bertha-von-Suttner-Platz 1, 40227 Düsseldorf, gerichtet werden.

C Fotos : Filmbeiheft und Hans Berben
C Bolgtext Michael Troesser

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